11th Nov

Ich bin weiblich, 28 und polyamor.

Wenn Graham Moore in seiner Dankesrede für den Oskar folgende Sätze sagt, kann ich recht gut nachvollziehen, was er damit meint:

„Ich dachte, ich sei merkwürdig und falsch und würde nirgends hinzugehören… Aber nun stehe ich hier. Und ich möchte die Gelegenheit nutzen zu sagen: Falls es da draußen Kids gibt, die sich so fühlen: Es stimmt nicht, dass du nirgendwo hingehörst. Bleib merkwürdig, du bist gut so! Und, wenn du eines Tages auf dieser Bühne stehst, sage anderen Menschen wie dir, das Gleiche.“

Das Gefühl, merkwürdig und falsch zu sein in der Gesellschaft und nirgends hinzuzugeh ist ein grundsätzliches Problem, wenn man in seinem Beziehungsverhalten anders tickt als alle anderen. Im Gegensatz zu Homosexualität ist Polyamorie jedoch fast kaum im öffentlichen Bewu präsent und deswegen ein noch größeres Tabu. Selbst innerhalb Randgruppen wie der LGBT-Community gibt es einen extremen Widerstand gegen das Konzept, mehr als einen Menschen zu lieben. Als bekennende Polyamoristin fliegen mir alltäglich alle möglichen und unmöglichen Argumente an den Kopf, warum das nicht sein kann/darf/soll/ist. Ewige Treue einem einzelnen Menschen gegenüber ist noch fester in der Gesellschaft verankert als die Mann-Frau Paarung. Oder scheint es nur so? Konnten homosexuelle Menschen sich nur schlechter hinter der Tradition des Fremdgehens verstecken? Das erste, was ich nach meinem „Erwachen“ aus der monogamen Denkweise bemerkte war, dass es noch andere Menschen gibt, die gleich fühlen, denken und handeln. Diese Gruppe ist jedoch sehr verstreut und hält sich extrem bedeckt. Nur in einer Umgebung, die aus polyamor denkenden Menschen besteht, lassen wir uns so weit gehen, dass wir unsere Erfahrungen, Gedanken und Gefühle ungehemmt anderen mitteilen.

Dabei ist das, was wir tun, de facto nichts „Schlimmes“. Wir teilen unsere Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit unter mehreren Menschen auf, anstatt dies alles auf nur einen einzigen zu konzentrieren. Das ist im Grunde der einzige Unterschied. Hinzu kommt noch, dass wir jedem Beteiligten so viel erzählen, wie er wissen will, und dabei versuchen, immer ehrlich zu sein. Zu uns selbst und zu unseren Partnern. Anfangs ist das eine ungewohnte Verhaltensweise. Auch ich musste mich erst dran gewöhnen. Das geläufige Modell im Umgang mit anderen ist immer noch, bloß so viel Wahrheit zu vermitteln, wie der andere „vertragen“ kann. Dass man jemand anderes auch noch liebt, ist allermeistens mehr, als überhaupt ein Mensch vertragen kann, so die Grundannahme in unserer „zivilisierten“ Gesellschaft. Was aber, wenn man Eifersucht und Besitzanspruch nicht als „normal“ sondern als genauso negativ ansieht wie zum Beispiel Hass und Rachegefühl?

Ich führe nun schon zwei Jahre lang unterschiedliche Beziehungen mit mehreren Partnern, und gescheitert ist davon noch keine. Denn es waren immer Partner, die auch polyamor leben. Dies sieht dann ungefähr so aus: Partner 1 begleitet mich ins Kino, zum Arzttermin oder zu anderen wichtigen Ereignissen. Mit ihm kann ich über Partner 2 und meinen Gefühlen zu diesem reden. In Partner 2 bin ich gerade verliebt und wir haben leidenschaftlichen Sex. Partner 3 kommt ab und zu zum Kuscheln vorbei, wir haben eine „Kuschelbeziehung“. Mit ihm kann ich auch über die beiden anderen Partner reden. Dann lerne ich jemand Neues kennen und erzähle begeistert meinen 3 anderen Partnern davon. Partner 1 lernt jemand Neues kennen und geht jetzt öfters mit ihr ins Kino. So verschieben sich die verschiedenen Beziehungen in ihrem Grad an Intensität, je nachdem wie die innere Verbundenheit sich entwickelt. Dass jemand dabei eifersüchtig wird kann vorkommen, wird dann aber auf harmlose Art kommuniziert und führt nicht notwendigerweise zum Streit. Vielmehr entwickelt sich durch die Offenheit und die Verletzlichkeit beider Partner eine noch engere Beziehung. Niemand wird dabei verurteilt oder hat Schuld an einem Problem. Für Gefühle kann man nichts, aber man kann gegen die unerwünschten durchaus etwas tun. Was bei uns vielmehr kultiviert wird ist die „Mitfreude“. Anstatt nur Anteil zu nehmen, wenn es dem anderen schlecht geht, versuchen wir auch Anteil zu nehmen, wenn es dem anderen gut geht, zum Beispiel mit einem anderen Menschen. An diesem letzten Schritt sind viele gescheitert, ich arbeite immer noch daran. Viele von uns sehen in der Mitfreude die Lösung für zahlreiche zwischenmenschliche Probleme.

Richtig kompliziert wird es erst, wenn nicht polyamore Menschen ins Spiel kommen. Diese mono-poly Beziehungen sind sehr anstrengend und illustrieren im Kleinen den Konflikt zwischen verschiedenen Idealen, die man auch im Groin der Gesellschaft wiederfindet. In solchen Beziehungen habe ich schon öfters Vorwürfe gehört, wie zum Beispiel, ich sei nicht normal oder würde meinem Gegenüber Unmenschliches zumuten. Außerdem sei Sex mit verschiedenen Menschen eklig und riskant. Dabei ist in einer ehrlichen und aufgeklärten Umgebung wie die der Polyamorie die Gefahr einer Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten viel geringer als in einer monogamen Beziehung, bei welcher das Fremdgehen heimlich geschieht. In manchen Fällen habe ich eine positive Überraschung erlebt, weil der Partner von sich aus eingesehen hat, dass unsere Beziehungsform unseren Bedürfnissen angemessener ist. Meistens waren die monogam geprägten Partner jedoch schlichtweg überfordert, und das Ganze endete recht schnell.

Neuerdings findet ein Wandel statt, ich merke, wie sich das Konzept der Polyamorie unterschwellig in verschiedene (mediale) Bereiche einschleicht. Auch gibt es immer mehr „Polys“, die sich in ihrem Umfeld outen, und mit den Konsequenzen leben. Oft bedeutet das, dass Freunde und Familie sich abwenden, einen nicht mehr für „voll“ nehmen, oder aus Angst den Geouteten mit Absicht diskreditieren. Doch damit kann die Bewusstwerdung nicht aufgehalten werden. Viele Menschen leben auf die traditionelle Art und Weise, weil sie einfach nicht wissen, dass es auch anders geht. Viele Leute aus der Szene haben mir erzählt, dass sie, wie es auch bei mir der Fall war, durch die zufällige Erw des Begriffs im Internet recherchiert haben und ab diesem Zeitpunkt aus dem vorgegebenen Modell ausgestiegen sind. Die Hoffnung, die ich trotz enttäuschender Rückschläge nicht aufgeben will, ist die, dass bald jeder Mensch die Art der Beziehung frei auswählen kann, die für ihn selbst die geeignetste ist.

Comments (2)
  • Wow, sehr schön hier auf einer luxemburgischen Seite einen Artikel über Polyamorie zu lesen. 🙂 Ich finde du hast das sehr schön beschrieben, vor allem das mit der Mitfreude und dass man auch einfach “harmlos” über Eifersucht diskutieren kann ohne dass es zu einem grossen Streit kommt. Ich bin schon seit über 20 Jahren polyamor und das mit der Mitfreude ist mir meistens sehr einfach gefallen, irgendwie finde ich das sogar logisch, ein Mensch den ich liebe erfährt Liebe durch andere, weitere Menschen, ist doch schön, Liebe ist was schönes.

    Finde auch gut wie du schreibst “so verschieben sich die Beziehungen an ihrem Grad an Intensität”, denn ich glaube das geschieht in jeder Beziehung, auch oder vor allem in den monogamen, doch glaube ich wird da oft nicht ehrlich damit umgegangen, oder sogar überhaupt nicht. Ich glaube viele überlassen die Beziehung einfach dem Alltag bis mensch nicht mal mehr 2 Minuten am Tag wirklich miteinander redet oder bis mensch genug hat und einfach in die nächste Beziehung geht die natürlich am Anfang wieder spannend ist. Und einfach so mal einen Menschen den mensch jahrelang geliebt hat und gut kennt verlässt, womöglich sogar im Streit, und wenn Kinder da sind, sehr zu derem Nachteil.

    Faszinant finde ich auch wie viele Menschen verliebtsein mit Liebe/Vertrauen verwechseln und einer meiner Meinung sehr verklärten romantischen Sichtweise rumlaufen.

    Auf jeden Fall danke für den Artikel und wäre schön wenn es die Diskussion über Polyamorie ankurbeln wird. 🙂
    lg,
    Johny Diderich

  • A few years ago there was a blog about polyamory:

    http://polyamo.tumblr.com/

    Mostly people are uncomfortable to talk about sexuality, thus talking about Polyamory is not a dinner-table topic for most.
    The poly people in Luxembourg are in general not native but come from bigger cities around the world.
    Another issue is of course the fact that you might live a life that other people would love to live but cannot, for various reasons.
    And mostly having serial relationships, with the eventual overlap where people cheat, is normal.
    As with any social norm, it changes over time.

    When I discuss the topic of polyamory I generally point to the Gender Bread person:

    http://itspronouncedmetrosexual.com/2015/03/the-genderbread-person-v3/

    It illustrates the beauty, flexibility and endless possibilities when it comes to love.
    There are no reasons why anyone should interfere with the love of people. Providing it’s mutual respectful and not on purpose hurting anyone.

    If there are enough people interested, why not meet up and exchange experiences and real-life relationships around polyamory in Luxembourg.

    Sincerely,

    Steve

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