11th Nov

“Die Gesellschaft dreht sich immer schneller, es wird viel von Menschen verlangt und einige können da nicht mithalten…”

Alexandra Oxacelay ist die Direktorin der “Stëmm vun der Stroos”.
Die ASBL betreibt mehrere Restaurants, um bedürftigten Menschen eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Im Gespräch schildert sie die Herausforderungen, die Tabus und die Besonderheit der Sozialarbeit auf dem Terrain. 2014 hat die “Stëmm” fast 70 000 Mahlzeiten für bedürftige Menschen zubereitet und 72 000 Essenspakete verteilt.

Frau Oxacelay, welche Menschen kommen zu Ihnen ins Restaurant und wie erkläeren sie sich, dass in Luxemburg so viele Menschen auf der Straβe leben?

Das sind sehr verschiedene Menschen verschiedener Herkunft. Einerseits haben wir Menschen mit Abhängigkeitsproblemen (Drogen, Alkohol oder Medikamente), aber auch Flüchtlinge finden den Weg zu uns. Dann haben wir viele Menschen die alleine im Leben sind, die den “RMG” (revenu minimum garanti) bekommen, oder auch junge Menschen, Schulabrecher, Jugendliche die alleine sind und auf sich gestellt sind. Viele von ihnen haben eines gemeinsam, sie suchen die menschliche Nähe und den Kontakt. Luxemburg ist keine Insel, und es gibt auch hier eine groβe Bandbreite an Problemen mit denen die Menschen konfrontriert sind. Jedoch fallen in einem kleinen Land wie Luxemburg, welches für seine hohen Löhne und Standards bekannt ist, die Schicksale dieser Menschen eher auf. In London, Paris oder Berlin ist es fast “normal” Menschen auf der Straβe zu sehen, sie gehören fest zum Stadtbild dazu. In Luxemburg wird dies jedoch noch immer als nicht “normal” empfunden. Weltweit nimmt die Armut zu, auch in Luxemburg. Die Gesellschaft dreht sich immer schneller, es wird viel von den Menschen verlangt und einige können da nicht mithalten, sie flüchten, in Alkohol, Drogen oder Medikamente und bleiben auf der Strecke, es kann sehr schnell passieren. Natürlich gibt es keine allgemeingüktige Erklärung, aber wenn eine Gesellschaft verschiedene Themen nicht thematisiert, nicht daran anknüpft, dann entstehen in den Köpfen der Menschen Phantasmen und falsche Vorstellungen. Genau gegen diese Vorurteile versuchen wir in der “Stëmm” vorzugehen. Wir laden daher auch kritische Menschen ein sich selber ein Bild zu machen: Meistens hört man dann immer wieder das gleiche Staunen. Neben den Mahlzeiten und der Betreuung ist die Sensibilisierung auch sehr wichtig für uns.

Es gab im Sommer eine Reihe sehr menschenverachtender Kommentare in der Presse zu lesen, die Menschen, die auf der Straβe leben, betrafen. Wie haben Sie diese Debatte erlebt?

Am liebsten würde ich gar nicht über diese Debatte reden, um dieser Plattform so wenig wie möglich Aufmerksamkeit zu schenken. Das Traurige daran ist, dass es wirklich Menschen gibt die so über andere denken. Wenn man sich umhört, drauβen, dann ist diese Aussage kein Einzelfall. Ich kann mir das so erklären, dass die Krise auch in Luxemburg angekommen ist, und dass es Menschen gibt, die Ängste haben, dass es ihnen demnächst nicht mehr so gut gehen könnte wie bisher. In Krisenzeiten hat man immer bemerkt, dass rechtsextreme Bewegungen an Zustimmung gewinnen. Auch populistische Äuβerungen wie z.B. in schwierigen Zeiten einen Sündenbock zu identifizieren, sind alte Denkmuster die immer wieder in solchen Zeiten aufkommen.

Viele Menschen haben Berührungsängste und wenden sich ab, wenn sie Menschen auf der Straβe begegnen. Viele schauen weg, machen einen Bogen oder antworten nicht auf ein freundliches “Hallo” einer obdachlosen Person…

Wenn man so etwas macht, muss man sich selber die Frage stellen, warum man eine obdachlose Person ignoriert oder umgeht? Warum habe ich Angst, was bewirken diese Menschen in mir? Viele Menschen haben Ängste vom sozialen Abstieg, oder andere schotten sich gänzlich ab, und behaupten, Ihnen könne so etwas nie passieren. Es ist also einfacher diese Fluchtszenarien in seinem Kopf durchzuspielen, als sich bewusst mit dem Schicksal einer Person ausseinanderzusetzen. Wenn man Geld gibt, muss man sich auch bewusst sein, dass man nicht darüber entscheiden sollte, was ein anderer Mensch mit diesem Geld dann macht. Wir wollen ja auch nicht, dass jemand für uns entscheidet, was gut und was schlecht ist. Obdachlose sind frei in dieser Entscheidung. Wenn man trotzdem noch immer kein Geld geben möchte, sollte man ein heiβes Getränk oder eine Essensspende anbieten. Oder aber man sollte der Person vorschlagen, sie zu einer Hilfsorganisation oder eben einer Anlaufstelle wie der “Stëmm vun der Stroos” zu begleiten und ihr erklären, dass man dort Essen, Medikamente, seelische, sowie medizinische Betreuung und Kleider bekommt. Was aber nicht sein kann, was ich absolut nicht nachvollziehen kann, ist, dass Menschen einen Bogen um Obdachlose machen, besonders jene Gesellschaftsschicht, der es vergleichweise gut geht und jene obdachlosen Mitbürger somit ignoriert…

… zum Beispiel schockiert es auch zu sehen, wie viele Menschen Obdachlose ignorieren, auch wenn die sehr freundlich Passanten grüβen?

Genau, diese Höflichkeit geht in unserer Gesellschaft verloren. Das “Danke” und “Bitte sehr”verliert an Bedeutung. Genau diese Demütigkeit und Dankbarkeit finden wir aber bei unseren Besuchern in der “Stëmm”, vielleicht sogar mehr als bei Menschen, denen es besser geht, welche im Stress leben und auf sich bezogen sind. Wenn Sie mal in die “Stëmm” kommen, werden sie verwundert sein, wie viel diese Menschen noch zu geben haben und wie freundlich sie sind. Natürlich gibt es ein paar schwarze Schafe, aber das ist bei weitem nicht die Mehrheit. Aber schwarze Schafe gibt es bekanntlich auch in den oberen Gesellschaftsschichten und auf diese Fehlverhalten weist niemand hin.

Wir haben vorher von Krisenzeiten geredet und wie in diesen Perioden immer wieder Vorurteile aufkommen und populistische Äuβerungen vermehrt auftreten. Können sie diese Ängste der Menschen nachvollziehen?

Man braucht keine Angst vor Menschen auf der Straβe zu haben. Im Gegenteil, diese Menschen sind Opfer von Armut und prekären Lebensverhältnissen. Anstelle wegzuschauen, müssten sich viele die Frage stellen, was sie selber zur Lösung beitragen können. Denn ein kleiner Einsatz gibt einem sehr sehr viel zurück! Ist es normal, dass man Angst hat vor anderen Menschen? Meiner Meinung nach nicht. Sozialarbeiter haben keine Angst, vom dem Moment an, in dem man mit anderen arbeitet. Angst vor dem Ungewissen hat man oft, aber wenn man sich auch nur kurz damit auseinandersetzt, dann verflüchtigt sich diese.

Im Kontext der andauernden Flüchtlingskrise hört man besonders oft auch Äuβerungen wie z.B. “Als erst sollte die Regierung den Luxemburgern (Obdachlosen) helfen und dann erst den Flüchtlingen” ?

Es ist traurig, dass eine ganze Gruppe gegen eine andere ausgespielt wird, und noch trauriger ist es, dass solche Argumente weit verbreitet und aufgenommen werden. In meinen Augen handelt es sich um ein und das selbe Problem: Wie kann es sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt Menschen keine Wohnung und keine Arbeit haben? Ob diese Menschen nun Luxemburger sind oder nicht, das ist nicht die Frage, die ich stelle, ich sage nur, das kann nicht sein. Ein Mensch ist ein Mensch, ob Rumäne oder Luxemburger. Die Armut gilt es zu verurteilen und zu bekämpfen, den Menschen muss man helfen. Trotzdem will ich aber hervorheben, dass es sehr viele Menschen gibt, die helfen, die bereit sind, Hand anzulegen, die als Freiwilliger Zeit oder aber Geld spenden. Es gibt Menschen, die die Augen nicht schlieβen. Ihnen gehört die Bühne und es wäre nur richtig, ihre Arbeit hervorzuheben, anstelle immer nur die schlechten und negativen Geschichten zu beleuchten.

Wie geht es ihrer Einrichtung “Stëmm vun der Stroos” ? Gibt es Bedarf an Fördermitgliedern oder an Freiwilligen? Was wünschen sie sich für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, dass wir eines Tages keine “Stëmm” mehr brauchen. Das wäre mein gröβter Wunsch. Das ist natürlich utopisch. Aber was wir brauchen sind Förderer und Spenden. Wir brauchen dieses Geld, um unsere Projekte auszuweiten und zu verbessern*. Besonders mit unserem Projekt “Caddy” arbeiten wir mit einem groβen Supermarkt. Im Moment bekommen wir 8 Tonnen Lebensmittel pro Monat. Daraus verarbeiten wir Care-Pakete welche wir dann wieder an die Menschen drauβen verteilen. So können wir pro Tag 300 Menschen mit Essen versorgen. Dieses Projekt müssen wir ausbauen und dafür benötigen wir 40 000 € für Kühlanlagen, einer professionnellen Klimaanlagen und Equipment im allgemeinen. Im Moment brauchen wir eher keine Freiwilligen, da wir von einer groβen Solidaritätswelle betroffen sind und nicht genug Personal haben, jeden Freiwilligen professionell zu betreuen. Wir sehen jedoch jeden Tag neue Gesichter und verteilen weitaus mehr Essen als die Jahre zuvor. Der Winter steht noch nicht einmal vor der Tür und die Flüchtlingswelle hat Luxemburg noch nicht erreicht. Wir gehen davon aus, dass sie Situation sich verschlechtern wird und, dass es zu einem groβen Ansturm auf unsere Einrichtungen kommen wird. Wir müssen uns gut darauf vorbereiten.

 

*Unterstützen sie die Stëmm:

Kontonummer: Stëmm vun der Stroos
BCEE (IBAN : LU63 0019 2100 0888 3000 / BIC : BCEELULL)

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