10th Nov

Willkommenskultur als Herausforderung – für alle

Als Kind scheint noch alles im Leben möglich zu sein. Ist es Naivität oder die Unerfahrenheit, die den Wunsch aufkommen lässt, seine Zukunft selbst zu bestimmen und den metaphorischen Berg der Selbsterkennung und Selbstverwirklichung zu erklimmen? Doch niemandem wird es möglich sein, dies ohne Hilfe zu erreichen. Jeder wird auf irgendeine Art und Weise Hilfe benötigen, meist von der Familie, von Freunden oder anderen Menschen, denen man im Leben begegnet. Sobald man jedoch auf festem Boden steht, liegt es an einem selbst, die weiteren Schritte nach oben zu erklimmen.

Auch das Schicksal der Flüchtlinge hängt stark von der Empathie ihrer Mitmenschen ab, die ihre eigenen Bemühungen unterstützen. Solange er auf der Flucht ist, hat ein Flüchtling meistens gar keinen Boden unter den Füßen. Er befindet sich wortwörtlich im Meer der Ungewissheit und der Angst. Flüchtlinge aus Syrien, beispielsweise, riskieren ihr Leben in der Hoffnung, Sicherheit und Freiheit zu finden. Dabei ist, laut der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Asyl ein Menschenrecht: „Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“

Dies erinnert mich an meine eigene Kindheit, an die Zeit kurz nachdem wir aus dem Iran nach Luxemburg kamen. Damals war ich vier Jahre alt und meine Schwester neun. Für uns sind zwei Welten aufeinandergeprallt. Alles war so neu und nah und doch so fern von meinen kindlichen Vorstellungen. Im Kindergarten habe ich sehr schnell verstanden, dass ohne Sprache und gegenseitiges Verständnis, das kulturelle Fenster geschlossen bleibt. Es ist durch die gemeinsame Sprache, beziehungsweise durch gemeinsame Sprachen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entstehen und gestärkt werden kann.

Doch sobald es uns ermöglicht wurde die sprachlichen Hürden zu überwinden, wurden wir ein Teil der luxemburgischen Gesellschaft und konnten uns auch schnell mit ihr identifizieren. Schließlich wurden wir naturalisiert und damit auch offiziell Luxemburger. Meine Schwester und ich haben beide das Abitur ohne größere Schwierigkeiten bestanden, sprechen mehrere Sprachen und haben studiert. Heute glaube ich, dass die soziale Akzeptanz und die Offenheit der Luxemburger Gesellschaft, wohl die Hauptmotivation für uns war, Teil der Luxemburger Identität zu werden – auch wenn ohne die eigene Willenskraft, kein Berg bestiegen werden kann.

Europa und Luxemburg erleben zurzeit, wie zahlreiche Menschen aus Syrien vor Krieg und Zerstörung flüchten und hier Zuflucht und eine neue Bleibe suchen. Manche betrachten sie als Last, andere als Bereicherung für unseren Kontinent. Tatsächlich stellen sie die Offenheit unserer Gesellschaft vor eine Herausforderung, die wir jedoch annehmen sollten. Aus eigener Erfahrung, weiß ich wie wichtig die Unterstützung ist, die Flüchtlinge erhalten und wie sie ihnen hilft in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Erst wenn der Mensch in seiner Individualität, von der Gesellschaft akzeptiert wird, kann er in vollem Umfang Teil dieser Gesellschaft werden. Nur so können die Flüchtlinge dazu ermutigt werden sich hier zu etablieren um dann ihren Beitrag für unser Land zu leisten. Denn wie so oft, gibt es kein Recht ohne Pflichten. Jede Generation schuldet seinen Nachkommen Taten, um gemeinsam eine bessere Zukunft zu gewährleisten.

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