Alternativlos
10th Nov

Alternativlos

‘Keine Alternativlösung zulassend, keine andere Möglichkeit bietend, ohne Alternative.’

6h30, der Wecker meines Smartphones klingelt. Snooze. Nach genau 9 Minuten klingelt es wieder. Meine Füße tragen mich zur Küche, die Kaffeemaschine lockt mit einer heißen Tasse schwarzer Brühe. Ich gebe die letzten Milliliter Milch aus dem Kühlschrank hinzu. Dieser bemerkt dies und bestellt eine neue Flasche. Natürlich fettarm, da die Werte welche meine Smartuhr dem Kühlschrank gesendet hat mich zu einer Diät zwingen. Nach dem Frühstück begebe ich mich in mein Auto. Der automatische Fahrassistent kennt bereits meinen Zielort da ich meine Termine mit sämtlichen geografischen Daten in meinem Kalender aktualisiert habe. Im Büro angekommen bemerkt mein Computer meine Ankunft durch die GPS Daten welche mein Smartphone ihm gesendet hat und öffnet mir sämtliche von ihm klassierten wichtigen E-Mails des Morgens. Während meiner Pause werde ich von meinem sozialen Netzwerk zu drei Veranstaltungen eingeladen welche mit meinen Interessen übereinstimmen. Ich entscheide mich für das Elektro-Konzert im lokalen Kulturzentrum. Abends treffe ich viele Bekannte auf dem Konzert. Uns alle vereint das Interesse an elektronischer Musik. Ich verbringe einen super Abend und um 23h30 mache ich mich auf den Heimweg. Morgen um 6h30 wird mein Smartphone mich wieder wecken. Zum Glück gibt es die Snooze Funktion.

Als 2010 »Alternativlos« zum Unwort des Jahres gewählt wurde, verband man hiermit vor allem die Entscheidungspolitik der deutschen Bundesregierung. Interessant an dieser Politik erscheint mir die Frage, wie wir es geschafft haben, in einer demokratisch organisierten Gesellschaft, eine Situation zu schaffen, welche sämtliche demokratische Errungenschaften umgeht und dies dann von einer Mehrzahl der Bevölkerung, ohne Wenn und Aber, akzeptiert wird. In einer ersten Analyse kann man darauf schließen, dass die Globalisierung mit sämtlichen kapitalistischen Errungenschaften dazu geführt hat, dass die Politik der Wirtschaft hinterher läuft und die demokratischen Strukturen mit der Geschwindigkeit des Wachstums nicht mehr mithalten können. Ich will hier einige weitere Denkanstöße und Lösungsansätze ausarbeiten.

Wir leben in einem Zustand permanenter Beschleunigung. Zeitdruck ist allgegenwärtig. Produktzyklen verkürzen sich immer weiter, Innovation geht über Innovation. Der Mensch stößt an die Grenzen seines Körpers. Damit die Wachstumsspirale, welcher wir uns verschrieben haben, nicht ins Stocken kommt, haben wir begonnen Computer und Technik so zu nutzen, dass sie uns Aufgaben abnehmen. Algorithmen kontrollieren Aktienmärkte, soziale Netzwerke, Nachrichtendienste, Straßenverkehr, Landwirtschaft und vieles mehr. Unsere gesamte Entscheidungskompetenz ist von Algorithmen beeinflusst. Ein perfektes Beispiel ist die Tageszeitung: Informiert wird sich immer mehr auf Internetportalen welche die Informationen durch Algorithmen genau an die Interessen des jeweiligen Nutzers anpassen. Der Verkauf von gedruckten Zeitungen geht kontinuierlich zurück. Stellte die Zeitungslektüre noch vor nicht allzu langer Zeit sicher, dass sich alle Bürger in derselben Wirklichkeit bewegen, steuern wir heute in eine Welt hinein, wo nur noch von Algorithmen definierte Gleichgesinnte auf demselben Informationsstand sind. Yvonne Hofstetter schlussfolgert bei dieser Entwicklung: „Es entstehen menschliche Profile, die genauer sind denn je. Auf dieser sehr reichhaltigen Datenbasis kommt es zu bewusster Manipulation. Man verliert die Kontrolle darüber, wie man bewertet, klassifiziert und mit Informationen versorgt wird. So lässt sich die Meinung des Souveräns, des Demos, gezielt steuern. Wir bezeichnen diese Steuerung im Fachjargon als »Kontrollstrategie«.

Wir manövrieren uns also in alternativlose Situationen da wir die Basisvoraussetzung zur Entstehung von Alternativen immer weiter in die Unwichtigkeit verdrängen. Alternativen auszuarbeiten benötigt vor allem Zeit und die Auseinandersetzung mit anders denkenden Individuen. Das ‘Wir’ kann nur durch das ‘Sie’ existieren. Dadurch, dass allerdings immer mehr Zeit unseres Lebens von Algorithmen kontrolliert wird, die zufälligen Begegnungen immer seltener werden und gleichzeitig unsere Freizeit von Algorithmen so optimiert wird, dass wir nur noch unseren Interessen nachgehen, erscheint es uns auf einmal normal, dass es diese alternativlose Politik geben muss. Das ‘Wir’ verschwindet in düsteren Wolken da ein ‘Sie’ überhaupt nicht mehr in Sichtweite zu sein scheint.

Wollen wir dieser Entwicklung entgegen wirken, müssen wir uns bewusst werden, dass wir weiterhin über Alternativen, Utopien und Zukunftsmodelle nachdenken und natürlich auch entscheiden können. Damit dies allerdings auch so bleibt, sollten wir diese Überlegung unbedingt in unsere gesellschaftlichen und städtischen Entwicklungen mit einbeziehen. Die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, mit neuen Ideen, muss Teil unseres Alltages bleiben.

Wollen wir also Alternativen weiterhin Platz zur Entfaltung bieten, sollten wir sehr stark daran interessiert sein Freiräume zu schaffen, welche es ermöglichen neue Ideen und Utopien auszuprobieren und zu leben. Die in letzter Zeit in fast jedem Dorf entstandenen Kulturzentren würden sich zum Beispiel perfekt eignen. Anstelle diese Zentren die meiste Zeit geschlossen zu lassen und nur einzelne gezielte Kulturveranstaltungen anzubieten, welche immer gezielter Nischenpublikum ansprechen müssen damit überhaupt noch Besucher angezogen werden, sollten dies Begegnungsstätten sein, welche durchgehend offene Türen vorweisen. Künstlerwerkstätten, Bandproberäume, Versammlungsräume und vieles mehr sollten diese Zentren in dauerhaft belebte öffentliche Räume verwandeln welche nicht nur Nischenpublikum anziehen, sondern Besucher mit den verschiedensten Interessen und somit gezielt zu zufälligen Begegnungen und Auseinandersetzungen beitragen. Anstelle als Denkmal für BürgermeisterInnen zu dienen sollen hier Plattformen für die verschiedensten Zukunftsideen entstehen und diese sollten kontrovers diskutiert werden. Nur wenn wir Ideen Platz zur Entfaltung lassen, können wir auf alternative Lösungen stoßen. Politische Bildung und aktive Auseinandersetzung mit Kunst sollten auch im frühen Alter gefördert werden und somit fester Bestandteil der schulischen Laufbahn unserer Kinder werden. Auch Städteplaner, Verkehrsplaner und Architekten sind gefragt. Die Stadt- und Verkehrsplanung der Zukunft muss wieder gezielt Begegnungsstätte im öffentlichen Raum vorsehen und die Wohnungen der Zukunft sollten so konzipiert werden, dass zufällige Begegnungen unumgänglich werden.

Die Digitalisierung und vor allem die hiermit einherkommenden Algorithmen müssen ganz klar Grenzen aufgezeigt bekommen. Google, Facebook, Apple und Co sollten als öffentliches Gemeingut betrachtet und durch einen international anerkannten rechtlichen Kader reguliert werden. Auch hier müssen Alternativen zu den übermittelten Informationen möglich sein. Auch hier muss der ungeplante Kontakt mit Andersdenkenden möglich bleiben.

Die vom Kontrollwahn besessene Politik muss sich bewusst werden, dass alternativlose Politik zu radikaler Negation führt, welche den Boden für extreme politische Bewegungen nährt. Die Idee von einer auf Konsens basierten globalisierten Welt ist eine Utopie. Sie hat also als Idee ihre Daseinsberechtigung, bleibt jedoch eine illusorische Hoffnung. Konflikte und Auseinandersetzungen werden immer Teil der Politik bleiben. Wichtig hierbei ist, dass Konflikte nicht die Form eines Kampfes zwischen Feinden annehmen, sondern die einer Auseinandersetzung zwischen Kontrahenten. Damit dies der Fall ist, dürfen wir die Existenz von Alternativen auf gar keinen Fall verstecken, wir müssen im Gegenteil sogar dafür sorgen, dass sie sich frei entfalten können.

Quellen:

Mouffe, Chantal (2014). Agonistik, Berlin: Suhrkamp Verlag
Hofstetter, Yvonne (2014). Interview geführt von Götz Hamann und Adam Soboczynski. Die Zeit, Ausgabe 11/09/2014

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